Ein wirklich dramatisches Narrativ

Das Leben hat eine Art mit der Zukunft zu reden. Man nennt es Erinnerung.1

Vorbemerkung
Der bildende Künstler Stefan à Wengen (*1964 in Basel) studiert von 1981 bis 1988 an der Kunst- und Allgemeinen Gewerbeschule in seiner Geburtsstadt. Anschließend lebt und malt er zunächst in New York, zieht dann nach Köln und betätigt sich ab 1999 in Düsseldorf als bildender Künstler. Der stets erfindungsreiche Künstler arbeitet, was Sujets und Themenbereiche betrifft, häufig in Werkgruppen, Reihen und Sequenzen, wobei er seine einmal gewählten Motive sowohl in kompositorischer als auch in koloristischer Hinsicht nach Lust und Laune variiert.

In relativ hohem Tempo fertigt Stefan à Wengen wechselweise Gemälde von faszinierenden Einrichtungsgegenständen, originellen Landschaften und atypischen Porträts. Darüber hinaus treibt er wie ein ausgeprägter homo ludens bisweilen mit großem Wissen und ebenso großem Vergnügen ein raffiniertes, vielschichtiges künstlerisches Spiel mit bekannten und weniger bekannten kunsthistorischen Werken.

Auf zahlreichen Auslandsreisen – u.a. nach Papua Neuginea – macht er, gleichsam als Referenz, stets Fotos. Der reisende Künstler liebt nicht etwa arkadische, idyllische oder touristische Motive, sondern viel eher geradezu fiktive wie befremdende Dinge. Wenn ein Thema nach der Rückkehr noch immer seine Phantasie anregt, überträgt er das Foto meist in eine kleinformatige Zeichnung. Zeigt sich, dass die Inspiration nicht nachlässt, stellt er bewusst ein größeres Format her.

Da Stefan à Wengen bevorzugt schnell arbeitet, malt er am liebsten mit verhältnismäßig rasch trocknender Acrylfarbe auf Leinwand. Dabei gilt übrigens gleichwohl, dass die von ihm angebrachten Striche, Flecken und Linien dauerhaft und unumkehrbar sind. Bei diesem immer wieder konzentrierten Schöpfungsprozess muss er sich seiner Komposition und seines Kolorits faktisch völlig sicher sein.

Immer Licht im Dunkeln
1964 singen Paul Simon und Art Garfunkel : Hello darkness, my old friend. I’ve come to talk to you soon again in einem akustischen Lied, das damals The Sound of Silence hieß. Die ein Jahr später aufgenommene Folkrockversion, bei der der Buchstabe s am Ende des Wortes Sounds gestrichen wird, ist ein grandioser Popklassiker geworden. Im Mittelpunkt der weltberühmten Anfangszeiten dieses Lieds steht die inspirierende Wechselbeziehung zwischen der kreativen und komponierenden Hauptperson und der totalen Dunkelheit in den Aufnahmeräumen andererseits.

Wie seinerzeit Paul Simon hat Stefan à Wengen in seinem Kunstschaffen eine blühende, schöpferische Beziehung zur (hereinbrechenden) Dunkelheit, zur Blauen Stunde und zu Nachtbildern. Nicht von ungefähr bezeichnet er eines seiner Kunstprojekt 2007 und 2009 als Nightology. Stefan à Wengen zufolge, der zwischen 2007 und 2009 in virtuos ausbalancierter Farbgebung eine große Zahl tiefdunkler Nachtstücke angefertigt hat, gibt es in mentalem und bilhaftem Sinn immer Licht im Dunkeln.2

Eine intrigierende, engagierte Werkgruppe
Zwischen 2007 und 2010 malt Stefan à Wengen im großen Format von 180 mal 260 cm mit Acryl auf Leinwand – fünfmal in unterschiedlicher Weise – ein in vielerlei Hinsicht intrigierendes Thema in der Malerei, dem er den englischen Titel Comfortably Numb (angenehm betäubt) verleiht. Der Titel dieser starken Werkgruppe mit engagiertem Wesen ist mehrdeutig, sodass sich, wie sich noch zeigen wird, allerlei drängende Fragen Stellen.

Auf der schier endlosen, mit tiefen Mulden übersäten Sandfläche in Comfortably Numb I stehen auf der linken Seite fünf zerbrechliche Bäume, deren grüngelbe Baumwipfel sich (bis auf einen) gegen den in subtilen Nuancen von Braun und Pink wiedergegebenen Wolkenhimmel abheben. Gleichsam als krasser Gegensatz dazu steht in dem unebenen, wüst wirkenden Gelände ein in einem auffälligen Hellblau gehaltenes Zelt mit zugezogenem Reißverschluss. Davor sehen wir zwei Paare Wanderschuhe – ein Zeichen menschlicher Anwesenheit. Knapp über dem stark verkürzten Bäumen am Horizont färbt sich der Himmel in allerlei Rosatönen. Hinter der fast verschlossenen Wolkendecke befindet sich die lebensspendende, nicht sichtbare untergehende Sonne.

Zwei Jahre danach malt Stefan à Wengen unter dem Titel Comfortably Numb II eine völlig andere Version desselben Motivs. Diese Bildvariante weckt in mir sofort Assoziationen an Worte wie katastrophal und ominös. In einer in fünf Zonen unterteilten sumpfigen Landschaft steht ein relativ kleines Kuppelzelt mit geöffnetem Reißverschluss unmittelbar neben einem reflektierenden Wassertümpel. Zwischen dem Zelt und der suggestiv ins Bild gesetzten Oberfläche eines Sees oder Meeres im Hintergrund, stehen gut zwanzig zum Teil abgeschnittene, modernde Bäume. Die Beschädigungen offensichtlich auf Umweltverschmutzung zurück, höchstwahrscheinlich auf giftige Stoffe (saurer Regen). Unwillkürlich fragt sich der oder die Betrachtende, ob diese völlig verfaulte Natur einer folgenden Generation von Bäumen überhaupt noch als Kompost dienen kann.

Die mit viel bildhaftem Elan gefertigte, seltsam gefärbte Himmelskuppel und das gedämpfte Sphärenlicht, verleihen der Panoramaszene auf subtile Weise eine schaurige Aura. Die Unsichtbare toxische Verunreinigung ist dank der qualitativ hochwertigen Art, in der die atypische Mischung aus Farbtönen wie Aubergine, Grau-Violette, Orange-Braun und Zartlila angebracht wurde, geradezu greifbar, omnipotent anwesend.

Eine äußerst schmerzliche Darstellung
Stefan à Wengen schneidet 2009 mit Comfortably Numb II ein äußerst aktuelles und zugleich komplexes Thema an, in dem Kapitalismus, Klima, Tourismus und auch die sogenannten einzigartigen Erlebnisse und Erfahrungen an unwirtlichen Orten wechselweise wichtige Rollen spielen.

Was auch der abenteuerlich eingestellte, ständig auf der ganzen Welt herumreisende Mensch, der sich seines ökologischen Fußabdrucks nicht ausreichend bewusst ist, an weit von Zivilisation entfernten exotischen Orten? Einen unumstößlich zufriedenstellenden Beweis dafür, dass er oder sie against all odds in der primitiven Wildnis (vorübergehend) überleben kann, oder vielleicht doch den ultimativen Kick aus dem Been-There-Done-That- Motiv heraus, wie in einer Excel-Tabelle, in der jedes besuchte Land abgehakt wird? Oder sucht der oder die (einsame) Reisende im Undurchdringlichen, Unberührten sowie im Kern Unzugänglichen letztlich doch nur sein oder ihr wahres Selbst?

Das ständige Forschen nach exotischen, rauen oder verwilderten Landschaften scheint für viele Globetrotter Selbstzweck zu sein. Aus den fünf Versionen von Comfortably Numb von Stefan à Wengen im Allgemeinen und aus Comfortably Numb II im Besonderen ergibt sich jedoch ein anderes, kritisches Bild. Die Zelte fallen – bisweilen sogar tonal – aus dem Ton. Im Kern fungieren sie als Fremdkörper und erwecken entschieden den Eindruck, fehl am Platz zu sein und nicht in diese ansprechend ins Bild gesetzten, unbewohnbaren entlegenen Winkel zu gehören.

Die (indirekte) Anwesenheit des Menschen in dieser verwüsteten Peripherie in Comfortably Numb II ist im Grunde ein Schock. Schwungvoll präsentiert Stefan à Wengen auf nicht belehrende Weise eine äußerst schmerzliche Darstellung. Der Mensch ist nicht bei der Sache und geht als Tourist in seiner selbst verursachten Umweltkatastrophe von gigantischen Ausmaßen zelten. Ist diesem oder dieser Reisenden überhaupt bewusst, dass er oder sie – zusammen mit der unheimlich in Auflösung begriffenen Natur – selbst dem Untergang entgegengeht? Symbolisiert das unscheinbare, unbedeutende Zelt die Selbstüberschätzung und Unbedachtsamkeit der Gattung Mensch in der immer wieder großartigen Natur, selbst wenn es mit dieser klipp und klar verheerend abwärts geht?

Redend mit der Zukunft
Den Titel Comfortably Numb hat der Künstler nach seinen eigenen Worten 3 einemLied von Pink Floyd entnommen, das ihm sehr viel bedeutet. Die erste Liedversion, komponiert von David Gilmour und Roger Waters, erscheint 1979 auf dem Doppelalbum The Wall. Der Text erzählt treffend von einem Popstar, dem es wirklich dreckig geht. Infolge der ihm verabreichten Medikamente ist er angenehm betäubt und wird von seinem Management gezwungen, trotz allem live vor Publikum aufzutreten.

Bei Stefan à Wengen sind die Worte angenehm betäubt sehr ironisch und im Kern messerscharf. Wie kann der herumreisende Mensch, der in einer apokalyptisch anmutenden Landschaft einen verhinderten Luxusnomaden gibt, um Himmelswillen noch so gedankenlos sein? Analog zu dem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Richard Power, das diesem Artikel vorangestellt ist, hält der Maler uns mithilfe der zerstörten Natur einen äusserst kritischen Spiegel vor. In dem inhaltlich bitterbösen Werk Comfortably Numb II ist es, um eine Redensart zu zitieren, eine Minute vor Zwölf. In diesem wirklich dramatischen Narrativ scheint vorläufig keine Aussicht auf Verbesserung zu bestehen.

In diesem Dunkel gibt es noch kein Licht.

Rick Vercauteren – Publizist und Kunsthistoriker – 02.12.2021
Von 2004 bis 2016 Direktor des Museums van Bommel van Dam, Venlo (NL)

Stefan à Wengen; „Comfortably Numb II“; 2009; Acryl auf Leinwand; 180 x 260 cm; Sammlung Museum van Bommel van Dam, Venlo (NL)

1 Richard Powers; Die Wurzeln des Lebens; Frankfurt a.M., 2018
2 Stefan à Wengen im Interview mit Victoria Ferreira; Dmag Nr.8; Buenos Aires (ARG); 2010
3 Stefan à Wengen am Samstag, den 06. November 2021, in einem Interview mit dem Verfasser in der ECI-Kulturfabrik in Roermond (NL)